Roland Schulteis ist Verkehrsplaner bei der Bahntochter Busverkehr Rheinland (BVR) und somit zuständig für die Fahr- und Dienstplanung der Städteregion Aachen und der Kreise Düren und Heinsberg. Das heißt, er erweitert oder verändert die Fahrpläne dieser Regionen, prüft, ob alle Anschlüsse funktionieren oder im Streckennetz „seiner Gebiete“ Linienerweiterungen erfolgen müssen. Bevor er im Dezember nach 25 Jahren bei der BVR zur ASEAG wechselt, haben wir ihn getroffen, um mit ihm über seinen Werdegang, die Herausforderungen der Verkehrsplanung und sein ausgefallenes Hobby, die ÖPNV-Fotografie zu sprechen.

Roland Schulteis

VERKEHRSPLANER BUSVERKEHR RHEINLAND

„Verschiebe ich Linie 1, weiß ich, dass Linie 2 gegebenenfalls auch angepasst werden muss, weil die Anschlüsse sonst nicht mehr passen.“

Wenn Roland Schulteis seinen Job ausübt, dann ist das ein bisschen wie Schach-Spielen – jeder Zug wirkt sich auf den gesamten Spielverlauf aus. Strategie, Expertise und Gewissenhaftigkeit sind gefragt. Tag für Tag. Denn Schulteis ist als Fahrplaner für das gesamte Streckennetz der BVR im AVV verantwortlich – und jeder „Zug“ hat seine Konsequenz. Verändert er beispielsweise das Zeitfenster einer Linie, weil diese erweitert wird (zum Beispiel vom Stundentakt auf einen Halbstunden-Takt), dann hat dies Auswirkungen auf andere Linien, Anschlüsse und somit den gesamten Fahrplan. „Verschiebe ich Linie 1, weiß ich, dass Linie 2 gegebenenfalls auch angepasst werden muss, weil die Anschlüsse sonst nicht mehr passen.“ Nun kann man von Glück reden, dass Schulteis, wäre sein Job eine Schachmeisterschaft, wohl der amtierende Stadtmeister des Spiels wäre. Er hat fast alle Linien seiner Regionen im Kopf; die Reihenfolgen der Haltestellen und Knotenpunkte kann er, ohne mit der Wimper zu zucken, aufsagen. Er weiß oft intuitiv, was passiert, wenn er eine Linie verschiebt. Und das Computer-Programm „IVU.plan“, mit dem er arbeitet, unterstützt ihn dabei. „Ich kann auf dem PC direkt sehen, welche Auswirkungen das Verschieben einer Fahrt auf den gesamten Fahrplan hat.“ Eine spannende und anspruchsvolle Aufgabe zugleich, denn viele Linien sind miteinander verknüpft. „Wenn eine Fahrt um 3 Minuten verschoben wird, dann muss ich vor allem die Knotenpunkte im Auge behalten, denn der Bus erreicht diese ja auch dementsprechend 3 Minuten später oder früher.“ Schulteis analysiert dann, was mit den Folgelinien passiert und bestimmt, wie diese eingesetzt werden müssen, um Veränderungen des Fahrplans durchführen zu können. Dabei gilt es, einiges zu beachten: Kann eine Linie überhaupt verschoben werden? Nutzen zum Beispiel Schüler die Linie? „Dann wird die Anpassung immer schwierig“, erklärt er uns gewissenhaft. Das alles sei aber wie mit dem Autofahren ergänzt er. „Irgendwann hat man so eine Routine darin. Dann weiß man genau, welche Auswirkungen auf das gesamte Streckennetz das Verschieben von Linie XY hat. Eben wie beim Autofahren – muss man sich anfangs immer noch extrem auf das Schalten oder Bremsen konzentrieren, geht dies irgendwann in die Routine über.“ 

„Mein Wunsch als Kind war es, Busfahrer zu werden.“

Dass Schulteis für seine Arbeit brennt, hat seinen Ursprung schon in der Kindheit. Als Schulteis 9 Jahre alt war und seine Mitschüler und Freunde Fangen und Verstecken spielten, schlich er sich lieber davon, stieg in den Bus und genoss es, neben den Fahrern die Strecken zu erkunden. „Mein Wunsch als Kind war es, Busfahrer zu werden.“ Schulteis grinst. „Und das wurde ich ja dann zunächst auch“. Nach einer Ausbildung zum KFZ-Mechaniker und dem absolvierten Zivildienst wird er mit 21 im Jahr 1993 Busfahrer bei der BVR. „Die Ausbildung hatte ich auch nur gemacht, damit ich später Ahnung von den Geräten habe, mit denen ich als Fahrer einmal arbeiten würde.“ Diese Wissbegierde zeichnet Schulteis aus, das bestätigen auch seine Kollegen. Und auch sein Chef merkte damals schnell, dass in Schulteis noch mehr schlummerte als die pure Leidenschaft für das Busfahren. „Eines Tages fragte mich mein Chef, ob ich nicht Interesse hätte, in die Leitstelle zu wechseln. Er hatte wohl gemerkt, dass ich mich sehr für meinen Job und alle Hintergründe interessiere.“ Schulteis lehnte zunächst ab. „Ich wollte ja einfach nur Bus fahren – und das tat ich dann erst einmal noch ein bisschen.“ Doch sein Chef gab nicht auf, sah Schulteis’ Potential. Er fragte ihn also noch einmal, ob er nicht in die Leistelle wechseln wolle. „Mein Chef sagte dann auch, dass er noch nie jemandem zwei mal dieses Angebot gemacht habe.“ Schulteis lacht. „Aber bei mir hat er wohl wirklich Potential gesehen.“ Über seine Stelle in der sogenannten „Fahrmeisterei“ landete Schulteis dann schließlich auch in der Fahrplanung. „Das mache ich jetzt seit 2002 und bin extrem glücklich hier.“ Seine Expertise in seinem heutigen Job verdankt er auch seiner Zeit als Fahrer. Denn die Strecken, die Schulteis heute auf dem Plan sieht, kennt er aus der Praxis. Er kann sich in die Fahrer und Fahrgäste hineinversetzen. Schulteis hat alles bildlich vor Augen und das hilft ihm in seiner täglichen Arbeit.

„Ich habe bei der DB 1993 als Busfahrer angefangen und mein Herzenswunsch war es, hier auch einmal in Rente zu gehen.“


Das einzige, was ihn ein wenig traurig stimmt? Im Dezember muss er nach 15 Jahren in der Planung und 25 Jahren bei der BVR seinen Job wechseln. Dieser Wechsel hat politische Gründe. Die Linienkonzessionen in der StädteRegion Aachen wurden an die ASEAG direkt vergeben. Wie es in Düren und Heinsberg weitergeht ist noch offen. Für die Übergangszeit hat die BVR mit der ASEAG einen Vertrag geschlossen, der 2021 ausläuft. Dann wird die Bahn kein Aachener Streckennetz mehr planen und das bedeutet, dass Schulteis Arbeitsstandort dann aller Voraussicht nach auch nicht mehr Aachen sein würde. „Ich bin gebürtiger Aachener, habe hier Haus und Familie und liebe die Stadt. Deswegen habe ich mich schweren Herzens zum Wechsel entschieden. Ich habe 1993 bei der DB als Busfahrer angefangen und mein Herzenswunsch war es, hier auch einmal in Rente zu gehen.“ Doch Schulteis geht mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Er bleibt Fahrplaner, wechselt lediglich das Büro, das im gleichen Gebäudekomplex liegt, denn die ASEAG – sein neuer Arbeitgeber – hat ihren Sitz ebenfalls in der Neuköllner Straße. „Es ändern sich ja eigentlich nur zwei Dinge: das Büro und der Geldgeber, der monatlich auf meinem Kontoauszug steht.“ Schulteis lächelt und ergänzt: „Das war eine politische Entscheidung und die Betriebe müssen entsprechend reagieren. Ich freue mich auch auf die neue Zeit bei der ASEAG. Dort wird mit der gleichen Planungssoftware gearbeitet und ich kenne die Kollegen ja bereits.“

„Als Kunde denkt man einfach, dass der Bus irgendwann kommt. Aber da ist so viel, was dahinter steckt.“

Schulteis Arbeitstag beginnt um 7 Uhr morgens und momentan hat er alle Hände voll zu tun. Denn am 09. Dezember steht ein Fahrplanwechsel für die Regionen Düren und Heinsberg an. Er erstellt also die neuen Fahrplanbücher und -tabellen sowie die Dienst- und Einsatzpläne für die Fahrer und Unternehmen, die im Auftrag der BVR fahren. Außerdem müssen die Bordrechner der Fahrer und das Fahrplanauskunftssystem des AVV aktualisiert werden. „Das muss alles nahtlos ineinander übergehen, damit das alles läuft.“ Sollte es einmal eng werden, unterstützen ihn die Kollegen in der Düsseldorfer BVR-Zentrale. Prinzipiell ist er für die Fahrplanwechsel aber alleine zuständig. „Als Kunde denkt man einfach, dass der Bus irgendwann kommt. Aber da ist so viel, was dahinter steckt. Das ist schon Wahnsinn. Die Info auf den sogenannten DFI-Anlagen an den Haltestellen, dass der Bus in 3 Minuten kommt, muss ja irgendwo herkommen. Und der Fahrer muss seine Daten auf dem Rechner haben, wenn eine Fahrt zum Beispiel verschoben wird. Das muss ja irgendwo alles gesteuert werden.“ 

„Ich habe meinen Traumjob gefunden und mache meine Arbeit bis heute jeden Tag gerne.“

Und diese Steuerung liegt in Schulteis Händen. Eine große Verantwortung! Gerade, wenn ein Fahrplanwechsel ansteht, kann es dann auch mal passieren, dass Schulteis seine Gedanken rund um das Streckennetz mit nach Hause nimmt. „Meine Frau merkt dann, dass ich nicht abschalten kann oder gereizt reagiere. Das kommt aber zum Glück nicht oft vor.“ Wenn er einen Fahrplan fertig entwickelt hat, dann erfüllt Schulteis das mit Stolz. „Wenn ich dann in der Praxis sehe, dass alles funktioniert und die Dienstplanung dahinter auch noch passt, macht alles einen Sinn und dann weiß ich, dass ich das Richtige mache. Ich habe meinen Traumjob gefunden und mache meine Arbeit bis heute jeden Tag gerne.“ Seine Kinder wollen aber nicht in seine Fußstapfen treten. „Die studieren beide etwas ganz anderes und haben mit dem Thema Bus nicht viel am Hut“, lacht er.

Angehenden Azubis, die sich für Roland Schulteis Job interessieren, empfiehlt er den Ausbildungsgang FIF (Fachkraft im Fahrbetrieb), bei dem alle Bereiche des Busbetriebes durchlaufen werden. Laut Schulteis, ein toller Weg, um sich mit dem Thema ausführlich auseinander zu setzen. Mehr Informationen gibt es hier.

„Ich gehe zwar öfter ohne meine Frau aus dem Haus – aber niemals ohne meine Kamera.“

Neben seiner Frau und seinen beiden Kindern, mit denen er einen Großteil seiner Freizeit verbringt, pflegt Schulteis ein ganz besonderes Hobby. „Ich gehe zwar öfter ohne meine Frau aus dem Haus – aber niemals ohne meine Kamera.“ Seine Leidenschaft ist die ÖPNV-Fotografie. Er lichtet alles, was mit Bus und Bahn zu tun hat, ab. Als er Anfang der 90er Jahre beginnt dieser Leidenschaft nachzugehen, schämt er sich noch dafür. „Ich dachte, ich sei der einzige, der sowas mag. Ich habe mich ein bisschen dafür geschämt und das eher im Verborgenen gemacht.“ Doch das Internet verändert alles. Als Schulteis Anfang der 2000er Jahre im Netz ÖPNV-Fotografie-Foren entdeckt, merkt er, dass viele Leute genau dieses Hobby teilen. „Da habe ich gemerkt, ich bin ja gar nicht so komisch. Das machen ja auch noch andere gerne. Und jetzt stehe ich dazu und bin voll dabei“, lacht er. Sobald ein neuer Bus auf das ASEAG-Gelände an der Neuköllner Straße rollt, zückt Schulteis seine Kamera. Und wer Schulteis einmal in live sehen will, sollte demnächst am Elisenbrunnen seine Augen offen halten! „Dort stehe ich öfters mit meiner Kamera und fotografiere die Busse.“